Diskriminierende Vorfälle in Berlin im Zusammenhang mit Corona

Seit dem Auftreten der ersten Corona-Fälle in Deutschland dokumentieren die Berliner Registerstellen einen Anstieg diskriminierender Vorfälle mit direktem Bezug zu Corona. Dazu zählen Beschimpfungen und Angriffe gegen Menschen, die als asiatisch wahrgenommen („gelesen“) werden, und zunehmend auch gegen andere Gruppen. Außerdem werde verstärkt rasstische und antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet. Die Kundgebungen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona Pandemie, an denen Personen aus verschiedenen politischen Spektren teilnehmen, bieten dafür ein Forum.
Zu Beginn der Pandemie wurden Menschen, denen eine chinesische Herkunft zugeschrieben wurde, zunehmend im öffentlichen Raum diskriminiert. Ende Januar reagierten asiatisch gelesene Personen weltweit auf die zunehmende Ausgrenzung mit dem Twitter Hashtag „Ich bin kein Virus“.
Zu einem Angriff wahrscheinlich mit Bezug zu Corona, kam es in Berlin bereits kurz nachdem der erste Ansteckungsfall in Bayern Ende Januar 2020 bekannt wurde. Am 31. Januar wurde eine 23-jährige Chinesin nachmittags in der Beusselstraße in Berlin-Mitte von zwei Frauen rassistisch beleidigt, bespuckt, an den Haaren zu Boden gerissen und dann geschlagen und getreten. Sie wurde am Kopf verletzt und ambulant in einem Krankenhaus behandelt, ihre Brille zerbrach. Zwei Zeug*innen griffen ein und die Angreiferinnen flüchteten. Die Polizei ermittelte zu einem möglichen Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Erste Fälle von Diskriminierung Anfang Februar

Anfang Februar berichtete ein Tagesspiegel-Journalist, dessen Familie aus Shanghai kommt, von ersten eigenen Erfahrungen mit diskriminierendem Verhalten in Berlin. Als er im Zoo Interviews führen wollte, gingen die Mitarbeiter*innen kommentarlos weg, aus Angst sich anzustecken. In der U-Bahn setzten sich Mitfahrende von einer weiteren Tagesspiegelmitarbeiterin, ebenfalls mit chinesischem Hintergrund, weg, weil sie offenbar pauschal von einer größeren Ansteckungsgefahr ausgingen.
Auch die Berliner Registerstellen erreichten zu diesem Zeitpunkt ähnliche Berichte. Am 1. Februar kassierte eine Kassiererin in einem Drogeriemarkt in der Müllerstraße im Wedding sechs Kund*innen ab. Als eine asiatisch gelesene Frau ihr einen Gutschein reichte, öffnete die Kassiererin ihre Schublade und desinfizierte sich demonstrativ die Hände. Als der Ehemann der Frau daraufhin sagte: "Keine Panik, meine Frau war noch nie in China", verfiel die Kassiererin in verlegenes Schweigen. Am 3. Februar wurde berichtet, dass sich Mitreisende in der U-Bahn wegsetzten, als sich eine asiatisch gelesene Frau räusperte. Am 4. Februar erzählte der Betreiber eines asiatischen Imbisses in der Nähe des Mehringplatzes in Kreuzberg einem Kunden von massiven Umsatzeinbußen seit der verstärkten Berichterstattung über das Corona-Virus. Am 8. Februar zog ein Mann in der S-Bahn in Mitte seinen Schal über den Mund und sagte mit Blick auf einen asiatisch gelesenen Mann, der gut zwei Meter entfernt saß, zu seinem Begleiter besonders laut und deutlich‚ ob er "es‘ riskieren will.“ Am 11. Februar wurde ein aus China stammender Mann in einer Arztpraxis im Ortsteil Mitte unter Vorwänden abgewiesen und ihm so die Behandlung verweigert.

Pöbeleien und Angriffe gegen asiatisch gelesene Personen

Wenig später kam es zu den ersten Pöbeleien gegen Personen, die als asiatisch gelesen wurden. Am 8. Februar stieg ein Mann abends in Köpenick in die Tram 27. Bereits nach dem Einsteigen pöbelte er eine asiatisch gelesene Frau mit den Worten "Was glotzt du denn so?" an. Dann begann er über sein Handy laut eine Rede abzuspielen. Als er ausstieg, hämmerte er gegen die Scheibe und gestikulierte aggressiv in Richtung der Betroffenen. Danach zeigte er den Hitlergruß. Ein Zusammenhang mit der Corona-Pandemie ist zu vermuten, da ähnliche Vorfälle aus Köpenick zuvor nicht bekannt waren. Am 3. März trat ein Mann, der aus einer Bar in Mitte kam, an eine asiatisch gelesene Frau heran und sagte zu ihr: „Dich sollte man mit Sagrotan einsprühen!“ Am 26. März wurden zwei Frauen, die Corona-Schutz im Gesicht trugen, in Kreuzberg von einer vierköpfigen Männergruppe mit Corona in Verbindung gebracht und ausgelacht. Die Betroffenen fühlten sich als Asiatinnen ins Visier genommen und rassistisch beleidigt. Am 31. März wurde eine taiwanesisch-amerikanische Frau in einem Geschäft in der Lahnstraße in Neukölln von zwei Angestellten rassistisch und mit Bezug auf Corona verspottet.
Die Regierungen von Bund und Ländern hatten sich am 22. März auf strenge Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Viele Personen arbeiten mittlerweile im Home Office und die meisten Geschäfte sind geschlossen. Die Krise hat sichtbar den Alltag der Berliner*innen erreicht. Ab diesem Zeitpunkt nehmen die Vorfälle eine neue Dimension an.
Am 24. März 2020 wurde in einem Wohnhaus in Charlottenburg ein Namensschild mitsamt der Klingel beschädigt und aus der Wand gerissen. Der Namen der Familie wird als chinesisch-italienisch wahrgenommen. Ende März wurden auch zwei weiterer rassistische Angriffe bzw. Angriffsversuch im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie registriert worden. Am 25. April wurde ein koreanisches Paar nachts in der U7 in Wilmersdorf rassistisch beleidigt und angegriffen. Drei Männer, die mit in die U-Bahn stiegen, sollen ihnen "Happy Corona", "Corona", sowie "Corona Party" zugerufen haben. Die Frau wurde körperlich angegriffen und sexuell belästigt, der Mann bespuckt und geschubst. Im Ortsteil Prenzlauer Berg saß eine Gruppe am 29. März vor einem Café, als eine kleine Gruppe Männer vorbei kam und sagte "Do you have Corona-Virus?". Die Gruppe verneinte dies. Die Pöbler ließen aber nicht locker und machten weitere anti-asiatische Witze mit Corona-Bezug. Als jemand aus der betroffenen Gruppe sagte, dass sie aufhören sollen, kam ein Pöbler auf die Person zu und versuchte diese zu schubsen, was misslang.

Diskriminierendes Verhalten gegen andere Gruppen

Bereits seit Ende Februar wurden nicht mehr in erster Linie Personen, denen eine asiatische Herkunft zugeschrieben wurde, Ziel von rassistischen Äußerungen, sondern auch andere Personengruppen. Am 28. Februar äußerte eine Teilnehmerin während einer Gruppentherapiesitzung in Wilmersdorf, dass das Coronavirus auf dem afrikanischen Kontinent ausbrechen solle, da dort zu viele Menschen leben würden. Trotz Nachfrage und Empörung der anderen Teilnehmer*innen blieb sie bei ihrer Aussage und stritt ab, dass diese rassistisch ist. Am 23. März saßen hinter dem Tierparkcenter in Lichtenberg mehrere als Neonazis erkennbare Männer und bedrohten vorbeigehende Passant*innen. Sie äußerten sich dabei in rassistischer Weise über Asiat*innen und Italiener*innen und behaupteten, dass nur diese an Corona sterben würden.
Am gleichen Tag gab es einen antisemitischen Vorfall in Schöneberg, über den die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus berichtete. In einem Mehrfamilienhaus trug eine unbekannte Person eine Anwohnerin, die auch aufgrund ihres Nachnamens als jüdisch erkennbar ist, auf einem Aushang zur Nachbarschaftshilfe während der Coronakrise ein. Zwischen dem Doktortitel und dem Nachnamen der jüdischen Betroffenen wurde handschriftlich ein „Corona“ hinzugefügt, so dass auf dem Zettel „Dr. Corona“ sowie „Dreimal klopfen“ zu lesen war. In einem Bus wurde im Bezirk Mitte am 26. März eine Schwarze Person von einem Mann mit Wucht gegen die Scheibe geschubst und angeschrien: „Wegen Euch Scheiß-Ausländern ist die Seuche ins Land gekommen“. In Marzahn-Hellersdorf wurde Mitte April ein Aufkleber der Neonazi-Partei III. Weg mit dem Slogan „Corona beweist: Globalisierung tötet!“ entdeckt.

Neonazi-Nachbarschaftshilfe

Abgesehen von den verschiedenen rassistischen Verhaltensweisen, Beschimpfungen und Angriffen im Zuge der Corona-Krise, versuchten auch Neonazis Kapital für die Rekrutierung von Anhänger*innen aus der Situation zu schlagen. Sie verbreiten vermehrt Aufkleber und versuchen eigene Nachbarschaftshilfen zu etablieren. Das ist vor allem im Bezirk Pankow der Fall. Am 18. März wurden im Ortsteil Buch Flyer der neonazistischen Partei NPD an Eingängen entdeckt und entfernt. Auf den Flyern wurde zu einer Nachbarschaftshilfe in Zeiten von Corona geworben. Am 25. März wurden ähnliche Flyer im Ortsteil Prenzlauer Berg bemerkt. Die JN, die Jugendorganisation der NPD, warb online damit, Atemmasken zu verteilen.
Antisemitische und andere Verschwörungstheorien
Die Berliner Registerstellen dokumentierten auch Verschwörungstheorien, die im Zusammenhang mit Corona verbreitet wurden. Am 6. März wurde in dem von Andreas Wild herausgegebenen Magazin "Trend" behauptet, Geflüchtete würden das Coronavirus übertragen und seien auf diese Weise eine "neuartigen Art von Migrationswaffe". Am 24. März stellte das Register Lichtenberg fest, dass in den vergangenen Tagen in mehreren Lichtenberger Facebook-Gruppen vermehrt Verschwörungstheorien über den Corona-Virus verbreitet wurden. Demnach sei das Coronavirus planmäßig verbreitet worden, um die Entfremdung der Menschen, Zwangsimpfungen, das Einpflanzen von RFID-Chips und die Abschaffung des Bargelds durchzusetzen. Die Behauptung, dass der Virus von „globalen Eliten“ oder der „New World Order“ verbreitet wurde, trug dabei antisemitische Züge. Eine Einzelperson verschickte am 27. April und am 2. Mai eine E-Mail mit antisemitischen Verschwörungstheorien an eine Vielzahl von Adressat*innen, wonach die Bekämpfung der vermeintlich erlogenen Corona-Pandemie sowie die Migration Schwarzer und muslimischer Menschen der Errichtung einer jüdischen Weltherrschaft dienten.

Hygiene-Kundgebungen

Seit Ende März fanden am Rosa-Luxemburg-Platz wöchentliche Protestkundgebungen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie statt. Die Kundgebungen zogen ein breites politisches Spektrum an und wurden zunehmend von bekannten extrem rechten Akteuren besucht. Von Beginn an wurden rassistische, später vor allem antisemitische Verschwörungstheorien auf Schildern präsentiert. Am Rande dieser Kundgebung am 1. Mai und bei einer ähnlichen Veranstaltung am 6. Mai vor dem Bundestag wurden Journalist*innen angegriffen.
Die Veranstalter*innen der Kundgebung am Rosa-Luxemburg-Platz verharmlosen den Nationalsozialismus, indem sie die aktuellen Maßnahmen damit gleichsetzen. Eine zunehmende NS-Verharmlosung zeigte sich auch in Plakaten, auf denen Menschen mit Judenstern gezeigt und Parallelen zwischen Gegenwart und Nationalsozialismus gezogen werden.
Tendenzen der Radikalisierung
Die beschriebenen Vorfälle zeigen, dass rassistische und antisemitische Vorfälle im Zusammenhang mit Corona über die ganze Stadt verteilt waren und bleiben. Mit dem Ausbreiten des Virus verändern sich die Vorfallsarten. Es lassen sich in mehrfacher Hinsicht Tendenzen zur Radikalisierung feststellen. Richteten sich die frühesten Vorfälle zunächst in erster Linie gegen Personen, denen eine chinesische oder allgemein eine asiatische Herkunft unterstellt wurde, so lässt sich seit Ende März eine Ausdehnung auf andere vermeintlich fremde Personengruppen feststellen. Zusätzlich lässt sich im Verlauf weniger Wochen eine Eskalation von abwertenden Bemerkungen über aggressive Beleidigungen bis hin zu körperlichen Angriffen beobachten. Im Zuge der verstärkten Institutionalisierung der Proteste gegen Corona-Maßnahmen kommt es zu mehreren besorgniserregenden Trends: einer breiten Querfront von linken Kapitalismus-Kritiker*innen zu extrem rechten Verschwörungstheoretiker*innen, der Normalisierung antisemitischer Verschwörungstheorien und einer zunehmenden NS-verharmlosenden Rhetorik.

Verfasst vom Register Reinickendorf