Neonaziaktionen für den Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess in Berlin

Am 17. August jährt sich der Todestag des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess im Kriegsverbrechergefängnis Spandau zum 30. Mal. Bundesweit nutzen Neonazis und GeschichtsrevisionistInnen dieses Datum, um ihre These vom Mord durch britische Agenten zu verbreiten. Aus diesem Grund wird derzeit zu einem Neonaziaufmarsch am 19. August in Berlin-Spandau unter dem Motto „Recht statt Rache“ mobilisiert. Die Berliner Neonazis begleiten diese Mobilisierung seit Wochen mit einer breitangelegten Propagandakampagne.

Berlinweit aufgestellt
Am 19. Juli 2017 begannen die Neonazis mit ihren berlinweiten Aktionen. Getragen werden die Aktivitäten von Neonazis aus den meisten Berliner Bezirken, wobei der Schwerpunkt auf Neukölln, Marzahn-Hellersdorf, Pankow, Treptow-Köpenick und Lichtenberg liegt. Aber auch die Westbezirke Spandau, Tempelhof, Zehlendorf und Wilmersdorf sind von Aktionen betroffen. Augenfällig ist, dass die Bewerbung des Aufmarschs ohne Partei- oder Organisationszuordnungen auskommt.

Plakate, Sprühereien und Schablonen – und gefälschte Polizeiplakate
Die Neonazis bedienen sich dabei zum einen der von den Aufmarsch-Organisatoren massenhaft zur Verfügung gestellten Mobilisierungsmaterialien (Plakate und Aufkleber). Zum anderen wurden in mehreren Bezirken Schriftzüge gesprüht und Sprühschablonen verwendet. Häufigste Parolen dabei waren „Rudolf Hess – das war Mord“, „Gebt die Akten frei“ und „Rache für Hess“.
Mit gefälschten Polizeiplakaten („Die Polizei bittet um Mithilfe: MORD IN BERLIN-SPANDAU“), die in der Nacht zum 7. August 2017 in Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick, Neukölln und Lichtenberg in Bahnhöfen geklebt wurden, erreichten die Neonazis ein regionales Presseecho.
Mit Kreuzen in Neukölln und Spandau sowie einer Straßenumbenennung versuchten die Neonazis weitere Akzente zu setzen. Das Meiste wurde bereits nach kürzester Zeit wieder entfernt.

Edit: Am Todestag von Rudolf Hess veranstaltete die NPD eine Kundgebung mit 12 Personen am Pariser Platz nahe der Britischen Botschaft. Der ehemalige NPD-Landesvorsitzende Sebastian Schmidtke hielt eine geschichtsrevisionistische Rede, in der er Hess' Selbstmord als "mysteriösen Tod des Stellvertreter des Führers des deutschen Reichs" bezeichnete. 

Aktionen gegen Kirchen, Jugendklubs und Parteibüros
Die Aktionen finden jedoch nicht nur im öffentlichen Raum, auf Gehwegen und in Bahnhöfen statt, auch Objekte mutmaßlicher politischer Gegner_innen sind betroffen. So wurden in der Nacht zum 14. August 2017 mehrere Kirchen in Treptow-Köpenick und Lichtenberg mit Parolen wie „Leichenschänder“ und „Rache für Hess“ besprüht. Parteibüros der Linken, Wahlgroßplakate aller Parteien und Jugendklubs mit alternativem Publikum wurden nachts mit Parolen besprüht. Dabei greifen die Aktionen mit anderen Neonazimobilisierungen ineinander. So werden seit Jahren schwerpunktmäßig in Berlin-Buch und Karow die Plakate der demokratischen Parteien entfernt oder beschädigt. Parolen wie „Volksverräter“ oder „Diese Parteien bringen den Terror nach Europa“ waren bei vergangenen Wahlen schon auf Wahlplakaten aufgetaucht. Sie wurden mit Hess-Parolen ergänzt.  
In Hellersdorf wird im Kontext der Hess-Aktionen zudem für einen Neonaziaufmarsch der „Autonomen Nationalisten“ Anfang September geworben.

Die Mobilisierung zum Rudolf-Hess-Marsch in Spandau kann als ein Versuch der spektrenübergreifenden Zusammenarbeit angesehen werden. Die Verherrlichung des Nationalsozialismus in Person des Hitler-Stellvertreters ist ein Thema, das große Teile der Neonaziszene eint.

Auszüge aus den Vorfällen der Berliner Register:

19. Juli 2017
In Friedrichshain wurden vereinzelt neonazistische Aufkleber mit dem Slogan „Mord an Rudolf Hess! Gebt die Akten frei!“ entdeckt und entfernt.

24. Juli 2017
In Lichtenberg wurden mehrere großflächige Schriftzüge mit Bezug auf Rudolf Hess festgestellt worden. Unter anderem „Rudolf Hess, gebt die Akten frei“, „Märtyrer des Friedens“, „Nazi Kiez“ und „Demokratie ist eine Lüge“.

27. Juli 2017
In Lichtenberg wurden mit Sprühschablonen mehrere Motive mit dem Spruch „Rache für Hess!“ auf dem Gehweg angebracht.

29. Juli 2017
In Rudow wurden Straßenschilder mit der Aufschrift „Rudolf-Heß-Weg“ überklebt. In ganz Neukölln wurden Hess-Plakate und –Aufkleber angebracht.

31. Juli 2017
In Dahlem wurde ein Plakat, welches für den Heß-Marsch wirbt, entdeckt.

2. August 2017
In Karow wurden verschiedenste rechte Aufkleber entdeckt und entfernt. Diese trugen u.a. die Slogan "... unser Signal gegen Überfremdung" (TDDZ), "Rudolf Heß Gedenkwochen" (Spreelichter) oder "Ausbildung statt Überfremdung" (JN). Auch in den Neuköllner Bezirksteilen Rudow, Buckow und Britz wurden dutzende Hess-Plakate vereklebt.

6. August 2017
In Biesdorf wurden mehrere gesprühte Schriftzüge entdeckt, die an den verstorbenen Naziverbrecher Rudolf Hess erinnern.

7. August 2017
An Bahnhöfen in Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg wurden gefälschte Polizeiplakate geklebt, die den Tod von Rudolf Hess als „Mord in Spandau“ bezeichneten.

8. August 2017
In Lichtenberg wurden mehrere Aufkleber mit der Aufschrift „Mord an Rudolf Hess – Gebt die Akten frei“ gefunden und entfernt.

10. August 2017
In der Hufeisensiedlung in Neukölln wurden an Laternenpfählen zwischen Wahlplakaten, Rudolf-Hess-Plakate auf Pappschildern angebracht.

11. August 2017
In Lichtenrade/Tempelhof wurden mehrere Aufkleber, die zum Rudolf-Hess-Marsch mobilisierten gefunden. In Charlottenburg wurden Plakate, die zum Rudolf-Hess-Marsch mobilisierten, aufgehängt.

13. August 2017
In Neukölln wurden Holzkreuze mit einem Foto von Rudolf Hess und der Aufschrift „Mord“ angebracht. Ein ähnliches Kreuz wurde in Spandau angebracht. In Berlin-Buch wurden Plakate entdeckt, die zu dem neonazistischen "Heß-Gedenkmarsch" aufrufen.

14. August 2017
An Kirchen in Karlshorst, Schöneweide und Lichtenberg wurden Parolen wie „Leichenschänder“ und „Rache für Hess“ gesprüht. Auf dem Gelände und an dem Gebäude des Jugendklubs Rainbow und des „Unabhängigen Jugendzentrums Karlshorst“ wurden mehrere Naziparolen angebracht, unter anderem „Rudolf Hess“, „NS rockt“, „Nazi Kiez“.

17. August 2017
In Mitte hält die Berliner NPD am Pariser Platz eine Kundgebung mit 12 Teilnehmern ab. In Charlottenburg und im ganzen Bezirk Spandau werden Flugblätter verteilt, die zum neonazistischen "Heß-Gedenkmarsch" aufrufen. Im Süden Neuköllns werden Holzkreuze mit Heß' Namen montiert.